Liebe Leser, Lebenskrisen sind dazu da um überwunden zu werden!

Meine Uroma war eine liebevolle, dicke-runde Frau, an deren Herzlichkeit ich mich zu gut erinnere, obwohl ich zu ihren Lebzeiten noch klein war, weiß ich es noch genau. Es ist eine bereichernde Erinnerung wie es sich als Kind anfühlte bei ihr zu sein, auf ihrem Schoß zu ruhen fühlte sich so an, wie es sich heute für mich anfühlt, in der Geborgenheit der Natur zu sein. Nicht umsonst war sie für viele in der Familie die erste Anlaufstelle, wenn es im Leben zu Krisen kam, sei es in Entscheidungen, in der Kindererziehung, in Eheproblemen oder sonstigen Belangen. Ihre wohl üblichste Antwort, wenn wieder jemand zu ihr kam, Rat bei ihr suchte und mit den Händen vorm Gesicht vor ihr saß und schluchzend ausstieß „ich weiß nicht mehr was ich tun soll“ so erwiderte sie darauf in beruhigendem Ton „Seel woasch wohl“, womit sie sagte „geh sicher weißt du es“. Es ist südtirolerisch und heißt auf Deutsch deine Seele weiß es sehr wohl. Wenn ich das Leben meiner Urgroßmutter, das was mir meine Mutter, meine Großmutter und deren Schwester davon erzählten so betrachte, bin ich mir sicher dass sie vor allem durch ihr Durchlebtes, so viel Liebe und Verständnis für das Leben fand, dass sie gerade durch ihr verletztes Herz den Wert des Daseins erkannte. Ursprünglich stammt sie aus Südtirol, dort arbeitete sie als Magd auf einem Bergbauernhof, sie war fleißig und strebsam. Auf dem Hof gab es einen Bauernsohn zu dem sie eine intensive Liebe entwickelte und welcher zu ihr eine intensive Liebe hegte. Wie es damals so war und manchmal heute noch ist, war es jedoch eine verbotene Liebe, denn die Bauern waren höher gestellt als Bedienstete, so durften sie ihre Liebe eben nur heimlich ausleben. Unbemerkt hatten die beiden unzählige geheimnisvolle Liebestreffen, bei welchen sie die gemeinsame Zeit auskosteten, gerade weil diese Zeit miteinander für die beiden so kostbar war. So geschah es dass meine Uroma schwanger wurde und bei den Eltern des Ungeborenen Freude, wie wohl auch Unwohlsein entstand. Es war nicht klar womit sie zu rechnen hatten, doch die Ablehnung ihrer Liebe seitens des Bauern, dem Vater des Geliebten war vorhersehbar. Die Reaktion des Bauern war für die meisten verständlich, für die Schwangere jedoch eine der größten Herausforderungen ihres Lebens. Von einer Minute auf die andere musste sie mit ihrem wenigen Hab und Gut den Hof verlassen, somit auch ihren Liebsten, verlor zugleich ihr Zuhause und ihre Arbeit. Was das zur damaligen Zeit für eine Frau, die noch dazu ein uneheliches Kind in sich trug und somit auch Schande über die eigene Familie brachte bedeutete, kann man sich ungefähr ausmalen. So stand sie da, mit einem Schlag alles verloren und trug dabei das für sie größte Glück auf Erden in sich, das Ergebnis ihrer wundersamen Liebe, das wohl in diesem Moment der einzige Trost, wenn zugleich auch eine enorme Last war. Ihr Ehemann den sie kurz darauf heiratete war für meine Uroma, wie sie es selber stets zu sagen pflegte, eine Zweckehe, ein stilles Abkommen zwischen zwei Menschen. Es war eine reine Vernunftentscheidung, ein heiratswilliger Mann, der eine Frau trotz unehelichem Kind nahm wurde von der Familie befürwortet und so folgte eine Eheschließung für das Überleben, anstatt eine Liebe für das Leben leben zu dürfen. Welche in der Geschichte der Menschheit sicher nicht die einzige Ehe dieser Art war. Wahrhaftig geliebt habe ich auf diese Art und Weise nur einmal und nur einen Mann, erzählte sie ihren Nachfahren später. Oft sprach sie von ihrem gebrochenen Herzen und dass sie ohne ihre Tabletten für das traurige Herzerl wohl schon nicht mehr wäre, dennoch beklagte sie sich dabei nicht über ihr Leben, trotz allem was sie erlebte wurde sie von ihrer Grundstimmung her nach einiger Zeit wieder zu einer frohen Natur. Vielleicht war dieser Verlust, der Schmerz der verlorenen Liebe das, was sie Zeit ihres Lebens mit sich trug und das dazu beitrug, ihre Mitmenschen bedingungslos zu lieben. Der nächste Schicksalsschlag ließ nicht lange auf sich warten, denn die faschistischen Italiener waren inmitten der Vertreibung der Südtiroler aus ihrer Heimat. In Südtirol vollzog sich ein Drama, welches für die nachkommenden Generationen kaum vorstellbar ist, tausende Italiener strömten ins Land und nahmen den Südtirolern Arbeit und Brot weg. Die vollkommende Italienisierung hatte begonnen und für die Südtiroler gab es lediglich zwei Optionen, die Unterdrückung durch den Faschismus zu dulden oder sich aus der Heimat aussiedeln zu lassen. Mit dem Beginn der Umsiedelung wurde so den Südtirolern die letzte Hoffnung auf Befreiung vom Joch der Unterdrückung und in ihrer Heimat bleiben zu können zerstört. Klar hätte sich meine Uroma mit ihrer Familie auch entscheiden können in Südtirol zu bleiben, die Unterdrückung der Italiener zu dulden und italienisiert zu werden. Doch es spricht für sich, dass sich rund 93 Prozent der Südtiroler für die Umsiedelung entschieden, für meine Uroma und tausende andere Südtiroler gab es keine Alternative vielleicht auch deshalb, um ihre Heimat zumindest im Herzen zu bewahren. Was für nichts anderes zeugt als dass die Südtiroler wohlwissend diesen Weg gingen, um zu sich zu stehen „Wenn schon die Heimat verloren ist, so soll wenigstens das Volk im Herzen weiterleben!“ Denn schlussendlich war die Umsiedelung nichts anderes als eine getarnte Vertreibung der Südtiroler aus ihrem Land. So war es für die Familie ein Neubeginn, an einem kleinen Ort im Herzen Oberösterreichs. Anfangs fühlte man sich wohl überall fremd, denn das Heimweh trugen doch viele Südtiroler noch lange im Herzen. Auch für mich ist jede Reise nach Südtirol ein Gefühl des Zuhause seins, obwohl ich weder dort lebte noch dort geboren bin, so trage auch ich die Heimat meiner Ahnen im Herzen. Später als die Familie sich eingelebt hatte und auch bereits wieder etwas mehr Geld, als nur zum Überleben zur Verfügung stand, machte die Familie eine Reise. Es gab Übernachtungen in Hotels und hervorragende Mahlzeiten, mitten in der Reise sagte meine Oma, die damals ein junges Mädchen war „ich will nach Hause, ich will eine Polenta und ein Glaserl Milch und in meinem einfachen Bett schlafen“, Polenta ist ein ursprüngliches südtirolerisches Arme-Leute-Essen. Es war ihr nach all den Jahren des sich durchschlagen Müssens, mehr eine Last diesen Luxus zu leben, als eine Freude welche eigentlich zugegen hätte sein sollen. Sicher sind viele unserer heutigen Probleme eine Form von Luxusproblemen. Und natürlich schäme ich mich für Momente in meinem Leben an denen ich heulend am Küchentisch saß, wenn der Schmerz des Lebens größer war als die Freude meines Daseins, während in anderen Teilen der Welt Kinder verhungern, Menschen aus ihrer Heimat flüchten und Krieg gespielt wird. Dennoch sind es unsere menschlichen Luxussorgen, ist es unser Herzschmerz der uns quält und auch das hat Platz in unserem Leben, denn jeder hat das Recht auf das Leben in dem er sich befindet, es mit allem zu leben was es eben für einen persönlich beinhaltet. Für den einen ist es die Sehnsucht eine warme Mahlzeit zu erhalten, für den anderen ist es die Sehnsucht ein Dach über dem Kopf zu haben, für andere wiederum ist es die Sehnsucht nach wahrhaftiger Liebe. Die Seele weiß es sehr wohl, ist für mich ein Leitsatz den ich mir in Krisen gerne selber vor die Nase halte, damit ich begreife dass es stets eine Lösung für Lebenskrisen gibt. Es gibt unterschiedliche Arten zu leben, es gibt unterschiedliche Menschen, Bedürfnisse und Wahrheiten und doch verbindet uns alle dass wir hier miteinander auf diesem Planeten leben. Auch wenn uns diese Luxusprobleme manchmal lächerlich erscheinen, so dürfen wir auch dabei stets daran denken Seel woasch wohl und alles hat seine Berechtigung. Aus meiner Sicht ist es so dass wir aus dem Gelernten heraus, neue Lösungswege gehen. Die Generationen vor uns hatten ihren Lebensthemen, wir haben unsere Lebensthemen, unsere Nachfahren werden deren Lebensthemen haben und die Zeiten ändern sich stetig. Es wird gesagt dass es im Leben auch im Kollektiven erst zu Krisen kommen muss, damit ein Umdenken, eine Wende stattfindet, doch stelle ich mir selbst die Frage, muss es tatsächlich immer erst zu Krisen kommen, muss etwas passieren damit wir mutig sind uns und unser Leben mit den notwendigen Schritten zu verändern oder ist es auch lebbar bereits bevor es zu Krisen kommt zu agieren? Situationsbedingt ist es aus meiner Sicht umsetzbar, dass wir bereits vorher handeln. Das heute formt mein Morgen und alleine das glücklich sein im Jetzt, lässt es zu dass wir eine Zukunft gestalten, welche für alle lebenswert ist. Es ist jedoch bedeutend dass wir Menschen auch im Kollektiv, der Harmonie kaum eine Chance zum Dasein geben. Denn wenn ich mir das Kim Jong-un Paradebeispiel gerade ansehe, erkenne ich darin eines, ja wir können es nicht sicher wissen ob er die atomare Abrüstung tatsächlich erfüllt. Doch wenn gleich wieder die Stimmen des Unglaubens lauter werden, als die Annahme es wäre auch in der Politik, in der Führung ein friedvoller Wandel umsetzbar, so ist das aus meiner Sicht ein Abschwächen der Lösungen. Wenn der Großteil der Menschen an der atomaren Abrüstung zweifelt, so geben diese damit dem Krieg das Gewicht, welches meines Erachtens nicht zum Frieden, im Sinne von Abrüstung der Waffen beiträgt, sondern wieder nur das Chaos nährt. Ja vielleicht haben sein Vater, sein Großvater und andere Vorfahren diese Versprechen nicht gehalten und dennoch sehe ich es als realistisch dass er aus dem Schatten seiner Ahnen tritt und die Denuklearisierung durchführt. Und ich bin schon immer noch der Meinung, dass der Wandel in dem wir uns befinden, auf allen Ebenen stattfindet und auch Diktatoren sind Teil unserer Welt und damit veränderungsfähig. Mit der Geschichte meiner Urgroßmutter zeige ich auf, dass wir im Laufe der Zeit bereits sehr viele Freiheiten in unserem Leben zurück bekommen haben, dass alle Erfahrungen wertvoll sind und ein jeder Mensch das Recht hat Liebe, Freude und Freiheit zu leben, uns jedoch auch bewusst sein darf welche lebenswerten Veränderungen bereits in unserem Leben stattfanden, wir nicht nur unseres Glückes Schmied sind sondern auch anerkennen dürfen, welch Glück wir uns bereits geschmiedet haben. Beginnen wir bei uns selbst unsere kleinen Kriege zu beenden, so ist es ein leichtes, dass sich die Gedanken der Kriege im richtigen Tempo aus unser aller Leben verabschieden und so tragen wir wiederum zum Allgemeinwohl bei.

Alles Liebe, Patrizia Schimpl

 

Hier noch ein passendes Lied zum Wirken lassen – von der wunderbaren Fiva MC – Nina Sonnenberg.